Das Märchenschloss (2005)

Nach dem "Aus" der Band hing ich zunächst ein bisschen in der Luft. Auf der einen Seite existierte die Idee, mit Conny, Joe und Andi aus der ursprünglichen Gesangsformation eine Art "Unplugged-Gruppe" mit perkussiver Verstärkung zu entwickeln.
Auf der anderen Seite schaute ich mit zunehmendem Interesse bei den Proben meiner Ex-Band BELINDAS vorbei. Erstes Resultat dieser "Hängepartie" war die Verpflichtung von Norbert als Bassist in der Unplugged-Gruppe. Er war nebenbei auch daran interessiert, hierdurch ein paar Begleitstimmen zu erlernen und schloss sich der Gruppe an, ohne jedoch dabei die BELINDAS zu vernachlässigen.
So "stolperte" ich ein wenig ziellos zwischen den Welten und plötzlich ereilte mich unerwartet ein faszinierendes Ereignis, das den Grundstein für meine spätere Entscheidung legen sollte.

Joe lud uns Anfang 2005 anlässlich seines Geburtstags für ein ganzes Wochenende in ein belgisches Schloss ein. Ich fürchte, mir ist der Name entfallen, aber ich glaube es hieß sinngemäß "Schloss der schönen Künste".
Und genau das war auch das Konzept der Betreiber - ein Künstlerhotel in märchenhafter Atmosphäre.
Tagsüber stapften wir durch die zauberhafte Winterlandschaft, strickten ein bisschen an unseren Plänen und philosophierten über Gott und die Welt, während wir es uns abends bei delikatem Essen und exzellentem Wein gut gehen ließen.
Zu späterer Stunde (und noch mehr Wein) wurde dann im Kaminzimmer des Anwesens musiziert - und zwar unter Mitwirkung aller musikalisch ambitionierten Hotelgäste.
Die Szenerie war so surreal und abgefahren, dass ich das nüchterne, elektronische Piepen meines daheim gebliebenen Weckers nicht als große Überraschung empfunden hätte.
Doch bei aller Begeisterung für dieses einmalige Erlebnis und dem damit verbundenen Dank an den edlen Spender wurde mir an diesem Wochenende klar, dass ich irgendwie nicht hierhin gehörte.

Andi animierte die Gäste am Abend bei einem Gospelstück mittels selbst gemalter Pappschilder zum Mitsingen. Das stammt vermutlich aus ihrem Repertoire als Chorleiterin und ist für die meisten auch sicher nicht zu beanstanden.
Mich persönlich erinnerte das ganze Prozedere jedoch ein wenig an meine frühe Jugend, in der ich häufig mit latentem Druck auf freikirchliche Freizeiten und ähnliche religiöse Veranstaltungen geschickt wurde, welche äußerst perfide und manipulativ auf meine Entwicklung Einfluss nahmen.
Der offensichtlich spirituelle Touch, aus dem Andi auch nie einen Hehl gemacht hatte, löste daher einen deutlichen, intuitiven Widerstand in mir aus - so sehr ich mich auch bemühte, dies rational weg zu diskutieren.
Ich will jetzt hier nicht rumheulen und weiß auch, dass Andis Intention bestimmt nicht in diese Richtung zielte, aber sie hatte hierdurch eben einen sehr empfindlichen Nerv bei mir getroffen. Als sie dann beim nachmittäglichen Spaziergang auch noch die Idee äußerte, afrikansche Trommeln in unser neues Projekt einzubinden, wurde mir klar, dass wir auch mit unseren musikalischen Vorstellungen ungefähr so weit auseinanderlagen wie Merkur und Pluto.
Da Joe nicht abgeneigt war und Conny unter Andis Einfluss geradezu aufblühte, wurde offensichtlich, dass hier nur einer fehl am Platze war - nämlich ich.
Nach diesem Wochenende war die Entscheidung im Prinzip schon gefallen, auch wenn ich mir mit der Formulierung derselben noch ein wenig Zeit ließ. Jede Faser meines Körpers wollte wieder lauten und dreckigen "Rock'n Roll" und daher schloss ich mich auch wieder mit Herz und Seele den BELINDAS an (siehe Kapitel "Comeback").
So verkündete ich dann eines schönen Tages während einer Probe in Dürselen meinen Ausstieg aus dem "Unplugged-Projekt" - und beendete damit meine langjährige musikalische Zusammenarbeit mit Conny und Joe. Dies war auch der Grund, warum mir das Aussprechen der Entscheidung so furchtbar schwer fiel (ich glaub, ich habe tatsächlich gestottert).
Wir hatten so viel gemeinsam hinbekommen, eine Band zusammengestellt, in die wir so viel Hoffnung gelegt hatten und jetzt war halt Schluss - da musste selbst ein hart Gesottener wie ich ein wenig schlucken (war am Ende alles nur ein Märchenschloss?!?).
Joe bewies wieder mal Größe und Gespür für die Situation. Er bat um Entschuldigung, von meiner Entscheidung nicht wirklich überrascht worden zu sein und schlug sofort vor, uns trotzdem und ohne jeden Zwang ab und zu zum gemeinsamen Singen wiederzusehen.
Auch Andi zeigte Verständnis für die Gründe meines Ausstiegs und schloss sich Joe's Wunsch an.
So ist es denn auch gekommen: Wir treffen uns - wenn auch sehr selten - und schmettern gemeinsam die alten Songs. Das macht nach wie vor ungeheuer viel Spaß und birgt - gerade durch die Seltenheit unserer Zusammenkünfte - einen ungebrochenen Zauber. Und so soll es auch bleiben…